Gehirnfitness durch Gedächtnistraining – der Alzheimerkrankheit ein Schnippchen schlagen!
Das Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. W. D. Oswald vom Institut für Psychogerontologie führte Ruth Knittel
Herr Prof. Dr. Oswald, immer öfter hört man von Alzheimer und Demenzerkrankungen. Worin unterscheiden sich die beiden, oder handelt es sich um ein und dieselbe Erkrankung?
Nun, das muss man getrennt betrachten. Zunächst einmal gilt, Demenz ist der Oberbegriff für alle klinischen Erkrankungen, die sich darunter subsumieren. Es ist ein klinisches Beschreibungsbild und orientiert sich an dem, was der Patient für Symptome zeigt. Unter diesem Oberbegriff verbergen sich verschiedene Säulen. Das sind zunächst einmal zwei große Säulen.
Säule 1: Reversible Demenzen 10- 30 %
(Erkrankungen, die heilbar sind)
Die drei wichtigsten:
1. Arzneimittelvergiftungen
2. Depressionen
3. Exsikkose, die Austrocknung, durch zu wenig trinken
Säule 2: Irreversible Demenzen = 70 %
(unheilbare Erkrankungen)
a) Vaskulären Demenzen der kleine, Mini-Schlaganfall; Multiinfarkt-Demenzen der sog. kleinen Gefäße etwa 30%
b) Typ Alzheimer etwa 70 %
Dr. Hans Förstl (Klinischer Direktor der TU München), einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet in Deutschland sagt: Multiinfarkt-Demenzen als eigenständiges Krankheitsbild gibt es nicht und da gebe ich ihm recht. Im Hintergrund verläuft immer auch Alzheimer. Durch die heutigen bildgebenden Verfahren kann man dies auch leichter feststellen. Früher hatte man oft davon gesprochen, dass ältere Menschen höchstens dement werden, weil sie „verkalken“. Inzwischen weiß man genau, dass dies bei maximal 30 Prozent der Fall sein kann.
Alzheimer ist eine degenerative Krankheit im Gehirn, bei der nicht das gesamte Gehirn betroffen ist. Es ist eher so, dass zwei Areale besonders in Mitleidenschaft gezogen werden, und zwar:
· Der Frontallappen (hier ist das Episodische Gedächtnis – unser „Tagebuch“)
· Der Schläfenlappen (Kurzzeitgedächtnis)
Hinzu kommt im limbischen System – das ist ein Areal, das sich in der Mitte unseres Gehirns in tieferen Schichten befindet – der Hippocampus.
Und was passiert nun in diesen Gehirnregionen?
Dort degenerieren Hirnzellen. Konrad Bayreuther geht davon aus, dass pro Sekunde jeweils eine Hirnzelle betroffen ist . Dieser Prozess beginnt möglicherweise schon kurz nach der Pubertät. Denn warum soll nicht auch das Gehirn degenerieren, wie alles andere auch? Die Hirnzelle degeneriert, weil sie keinen Brennstoff mehr bekommt. Der Brennstoff der Hirnzelle ist die Glukose. Und nun macht die Hirnzelle das, was wir auch machen würden, wenn wir in unserem Wohnzimmer sitzen und die Heizung fällt auf Dauer aus. Wir würden uns einen Ofen zulegen, um die Einrichtung zu verheizen. Im Frontalbereich wird alles verheizt. Anders verhält es sich im zentralen Bereich (Hippocampus), wo es lediglich zu einem „Schwelbrand“ kommt. Es bleibt dabei eine ganze Menge Müll übrig. Und weil die Hirnzelle sich ähnlich verhält wie eine gute Hausfrau, will sie ab und zu Großreinemachen und die Nachbarzelle auch. Beide schaffen den Müll vor die Tür. Und dann bilden sich diese Beta-4-Amyloide, sog. Plaques aus, die man in den neuen bildgebenden Verfahren sichtbar machen kann.
Nun gibt es aber Personen, bei denen beträgt die Progression - das Fortschreiten des Degenerierens - nicht eine Sekunde, sondern 1,1 Sekunden. Dies führt dazu, dass man mindestens 100 Jahre alt werden muss oder noch älter, um Alzheimer zu bekommen. Diejenigen dagegen, die eine Progression von 0,9 Sekunden haben, werden schon mit 50 oder 60 Jahren die Krankheit bekommen. Und hier liegt genau der Schlüssel für alle Präventionsmaßnahmen. Gelingt es uns, Einfluss zu nehmen auf diese Progression, d.h. gelingt es uns die Degeneration zu verlangsamen, dann können wir den Ausbruch der Krankheit verzögern, und wir sterben womöglich vor dem Ausbruch der vollen Symptomatik an einer Lungenentzündung oder an einer anderen Krankheit.
Gibt es denn spezielle Untersuchungsmethoden für diese Progression?
Nicht direkt, nur indirekt. Herr Bayreuther hat dies bisher an Zellkulturen erforscht. Wir versuchen auf diese Progression Einfluss zu nehmen z.b. mit unserem „SimA“-Programm (= Selbständig im Alter). Was wir inzwischen sicher wissen ist, dass die Prävalenz, also die Häufigkeit der Erkrankung, altersabhängig ist. Bei 85-jährigen schwankt sie so zwischen 30 und 50 Prozent.
Herr Prof. Dr. Oswald, wie sehen Ihre Prognosen hinsichtlich der Entwicklung von Alzheimererkrankungen aus?
Die 30 Prozent, von denen ich vorher sprach, werden nicht bleiben. Es gibt allerdings landkreisbedingte Unterschiede, welche vor allem mit der ärztlichen Versorgung zusammenhängen, da nicht alle Ärzte fortgebildete Spezialisten sind, die für die Diagnostik erforderlich wären.<!–[Dies alles wird natürlich auch zu einem gesellschaftlichen Problem werden – denn die demographische Problematik wirkt sich auch hier aus. Wir werden also einen Mangel an pflegenden Angehörigen bekommen sowie auch einen Mangel an Altenpflegern. Aufgrund der besseren Sozial- und Familienpolitik, insbesondere in Frankreich, ist die Geburtenproblematik dort nicht so gravierend wie bei uns in Deutschland. Im Schnitt werden wir wohl 85 Jahre alt werden, das zeigen die statistischen Erhebungen. Und der Worst Case wäre dann - 50 Prozent sind dement. Daher müssen wir versuchen auf diese Progression Einfluss zu nehmen. Das heißt im Klartext, das hat auch unser SimA-Projekt gezeigt, wir sind selbst mit verantwortlich etwas zu tun, um Demenz so weit wie möglich nach hinten hinauszuschieben.
Aber was kann denn nun der Einzelne tun? Wann soll er anfangen?
So früh wie möglich – am besten bereits als Schüler damit anfangen. Die Botschaft von SimA lautet vereinfacht: Man muss sein Hirn „quälen“ und man muss sich körperlich quälen. Leistungssport steht dabei zwar nicht im Vordergrund, aber ein Kreislaufeffekt sollte schon da sein. Und immer die Dinge machen, die man gerne macht. Am besten, den Taschenrechner weglegen und im Kopf rechnen. Trotzdem ist mein liebster Wahlspruch in diesem Zusammenhang: Es ist nie zu früh und aber auch nie zu spät! Bei SimA haben wir festgestellt, dass beides zusammen kommen muss – geistige und körperliche Fitness. Gedächtnistraining verbessert nur Gedächtnisleistungen, schützt uns aber nicht vor Pflegebedürftigkeit. Stellt man mit 50 plus erste Anzeichen fest, sollte man Kombinationstraining durchführen. Man ist aber auch noch mit 75 noch „SimA-fähig“, es gibt da keine Grenze. Sie haben SimA auch in Pflegeheimen getestet. Mit welchem Ergebnis? Wir testeten etwa 300 Personen in zwölf Pflegeheimen in Mittelfranken. Dabei haben wir hier natürlich die Aktivierungen an den Möglichkeiten im Heim ausgerichtet. Nach einem Jahr hatte sich bei der Testgruppe nicht nur die Mobilität verbessert, sondern auch kognitiv konnten wir sie auf dem gleichen Level halten. Währenddessen hat sich bei der Kontrollgruppe die leichte Demenz zu einer mittelschweren Demenz fortentwickelt. Wir konnten also mit SimA hier einiges ausrichten, daher schulen wir inzwischen auch deutschlandweit Pflegeheime darin.
Herr Prof. Dr. Oswald, wie sieht die Zusammenarbeit mit dem „Kompetenzzentrum Demenz“ aus?
Wir machen die Evaluierung. Evaluierung heißt, wir untersuchen alle, die dort einziehen und befragen die Angehörigen – alles natürlich ganz anonym. Wir betreuen auch die Therapeuten.
Die Solidarkassen sind leer, die Problematik Krankenkassen und Politikern bekannt. Haben Sie einen Vorschlag, wie diese große Herausforderung der Zukunft zu meistern wäre?
Die Demenzpatienten fallen nach wie vor hinten runter. Die Einstufung beim MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) hat ja derzeit mehr die Vorgabe sich auf die körperlichen Funktionen zu beschränken. Nun hat man beschlossen, dass Angehörige die Demente betreuen, eine Entschädigung erhalten sollen -auch wenn sie Einstufung 0 haben. Bisher haben viele Heime die Bestrebungen, mehr Patienten in Pflegestufe 3 zu kriegen, weil man da viel mehr Geld bekommt. Ich würde hier lieber das Prinzip auf den Kopf stellen und eine Belohnung geben, wenn man versucht die Bewohner möglichst lange aktiv zu halten. Wir haben genug Geld im Gesundheitssystem, es wird lediglich nicht immer richtig ausgegeben. Für Prävention wurden im Jahr 2005 lediglich 4 Prozent ausgegeben.
Wichtige Anzeichen für Angehörige
1. Orientierungsstörungen d.h. man findet sich nicht mehr zurecht
2. Gedächtnisstörungen z.b. wenn Dinge zwei-, dreimal erzählt werden,
oder wenn man nicht mehr sagen kann, was es zum Frühstück gab.
Wohin sollte man sich dann wenden?
1. an spezialisierte Fachärzte
2. Gedächtniszentrum / Memorykliniken
3. Angehörigenberatung
Infos erhält man auch über die Deutsche Alzheimergesellschaft http://www.deutsche-alzheimer.de/
Alzheimertelefon: 01803 - 17 10 17 ( € 0,09 pro Minute)
In Nürnberg: siehe unter wichtige Telefonnummern (im Magazin)
Das Buch SimA-basic ist im Hogrefe-Verlag erschienen, im Buchhandel zum Preis von 19,95 € erhältlich (ISBN-Nr. 3-8017-1915-4)Die CD-ROM mit SimA-Gedächtnisübungen ist zum Preis von 39,95 € im Hogrefe-Verlag, Göttingen erschienen (ISBN-Nr. 3-8017-1913-8) und kann über den Buchhandel bezogen oder direkt beim Verlag bestellt werden. http://www.sima-akademie.de/index.php?title=SimA-basic-PC&path=cdrom


Am 27. Januar 2008 um 11:59 Uhr
Ich bin zertifizierte SIMA Trainerin und würde mich freuen man könnte diesen
Artikel von Prof.DR.Oswald bei uns in Rheinland-Pfalz auch veröffentlichen und somit Anregungen und Hilfestellungen für Angehörige und natürlich den
an Demenz erkrankten Patienten geben. Leider stelle ich als Trainerin immer wieder fest, daß viele Ärzte,ich spreche hier von den Allgemeinmediziner, die ja häufig im Frühstadion die ersten Ansprechpartner für Gedächtnisstörungen sind, nicht die Meinung wie mein Ausbilder Herr Prof.DR. Oswald und ich sind.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre H.Posininsky