Das Schweigen durchbrechen
Am Donnerstag Abend war ich auf diesem regelmäßig in Nürnberg stattfindenden Pflegestammtisch, der sich zu 10. Male zusammenfand. Diesmal war zum zweiten Male Claus Fussek aus München gekommen.
Claus Fussek ist ein unermüdlich für die Pflegekräfte und die Patienten kämpfender und streitender Fachmann. Zum ersten Mal hab ich ihn selbst erlebt. Mein Fazit: Hut ab! Er nimmt kein Blatt vor den Mund, um Dinge und Institutionen zu benennen. Sein Credo ist: Würde. Würde für die Pflegekräfte, der Umgang der Pflegekräfte mit der Würde der ihnen anvertrauten Menschen und ganz spezielle die Würde der Alten und Pflegebedürftigen in allen Facetten.
Was ist das Fazit dieses Abends?
Es wird höchste Zeit dieses flächendeckende Schweigen zu durchbrechen.
- Jeder beklagt die Mißstände
- Jeder kennt die Mißstände
- Jeder weiß wie es richtig sein sollte
- Jeder weiß. daß es Häuser und Dienste gibt die es richtig machen
- Jeder leidet unter den Mißständen
- Jeder leidet unter dem Imagemangel
ABER KEINER DURCHBRICHT DAS KARTELL DES SCHWEIGENS!
Claus Fussek beschreibt die Situation in der er ist wie folgt:
” Ich bekomme ständig viele Briefe, Mails, Anrufe…. werde persönlich angesprochen…man erzählt mir was tagtäglich und nächtens geschieht
Am Ende kommt immer der gleiche Satz: ‘Nennen Sie bitte meinen Namen und das Haus nicht’
Frage ich warum, erhalte ich zur Antwort: ‘Ich habe Angst vor Repressalien, ….davor als Nestbeschmutzer diffamiert und gemobbt zu werden’
Ist es nicht unglaublich?” ruft er in den überfüllten Raum? “Alle wissen Bescheid und alle haben Angst und dann läuft alles so wie bisher.”
(Kommentar von mir: es erinnert an die Mafia)
Auch die Berufspolitik läuft ähnlich, sagt Fussek. Es treffen immer die gleichen Leute zusammen. Es sitzen alle am Tisch mit. Die Wohlfahrtsverbände, die Kommunen, die Unternehmerverbände (Heimbetreiber), MDK, Versicherungen, Verbände der Pflegeberufe…..Kirchen…. …..
Steht aber dann einmal eine Person auf und nennt die Dinge / Probleme beim Namen, kommen immer die gleichen Floskeln:
- Man dürfe nicht alle in einen Topf werfen…
- Ein bedauerlicher Einzelfall….
- Es gibt doch auch Gute….
- Man dürfe nicht übertreiben….
- Die Kostensituation ….blabla
- Es handelt sich bei dieser Person um einen Nestbeschmutzer aus niederen Motiven…. weil….
- Der Nestbeschmutzer ist lediglich überlastet und benötigt Pause….
Claus Fussek: “Warum hört man nicht auf damit und beginnt zuzuhören und begreift die Kritik als Möglichkeit einer Fehlentwicklung entgegenzuwirken? Die Guten werden rausgemobbt und die Schlechten und die Schweiger bleiben.”
Zitat einer Angehörigen: “Wenn ich meine Mutter besuche, weiß ich genau wer Dienst hatte… ich muß sie nur ansehen.”
Wenn Häuser mit der gleichen Situation und Kostenentwicklung bessere Ergebnisse im Umgang mit den ihnen anvertrauten Alten und Pflegebedürftigen haben, WARUM geht man nicht dorthin und läßt sich zeigen, was dort anders gemacht wird, um sich selbst oder seine Abläufe zu verbessern?
“Wie reagiert die Politik?” fragt er
Man fordert noch mehr Kontrollen und Qualitätssiegel. Unter der dann die Heimbetreiber und Pflegekräfte selbst wieder leiden, da ihnen dann die Zeit für die Zuwendung zum Patienten wegen der Dokumentationen fehlt. Dokumentationen: Viele berichten von Manipulationen und sog. Gedächtnisberichten. Zählte man die Minuten zusammen könne man leicht feststellen, daß dies nicht der Realität entsprechen kann.
Warum gehen Pflegeverbände nicht massiv gegen die Refa-Zeiten vor unter welchen ja besonders die Pflegedienste leiden? Die Unterstützung ihrer Kundenklientel dürfte ihnen gewiss sein, denn die sehen ja auch das Ergebnis.
Eine Antwort für das durchgehende Schweigen hatte Claus Fussek auch parat: “Es gibt zu viele die den Nutzen aus dieser unguten Situation ziehen…. zum Beispiel die Zertifizierungsbranche.
Warum handelt die Mehrzahl der Guten (wenn es sich doch um bedauerliche Einzelfälle handelt) nicht? Es wäre so einfach…. man müßte sich nur einig sein und sich von solchen Häusern distanzieren. Kollegen die sich distanzieren, Angehörige, die ihre Mutter oder Oma herausnehmen oder gar nicht erst anmelden. Fussek sagte: “Ja, auch die Leute draußen wissen doch sehr oft, wo man besser nicht sein sollte!”
Aber auch andere Mitwisser die er nannte:
- Apotheker (Medikamentenlieferungen)
- Krankenhäuser und Ärzte
- Lieferanten von Hilfsprodukten (Rollstühle, Fixierer, Windeln etc)
- Sanitäter
- Pflegeschulen……
“Sie alle wissen WO sie ihre Mutter nicht hingeben würden, weil sie die Probleme dort kennen.”
Teilweise nannte er auch drastisch anmutende Beispiele und verglich diese mit der Situation der alten Menschen in den Heimen. Gerade in der Überspitzung wird aber deutlich woran es in diesem Land krankt. Wir beachten die Probleme vor unserer Tür nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit. Wir wertschätzen die älteren Menschen zu wenig.
Und noch etwas wichtiges sagte er:” Anstatt immer nur in die Ferne zu sehen und dort Fehler aufzuzeigen, wäre es notwendig mehr Verantwortung im eigenen Bereich zu haben. Wenn ich sehe, daß mein Angehöriger schlecht gepflegt ist, kann ich etwas tun, bin ich genauso verantwortlich wie die Pflegekraft, der Heimleiter, die Kasse, die Politik……. Wer seine Angehörigen im Heim nicht besucht und sich nicht kümmert, darf sich nicht wundern …. und es stimmt nicht, daß alleinstehende alte Menschen niemanden haben. Niemand ist allein! Für solche Leute gibt es Nachbarn oder Berufsbetreuer! Der Berufsbetreuer hat die Pflicht und Verantwortlichkeit für den Menschen und sein Wohlergehen übernommen.”
Meine Meinung:
Bei letzterem kristallisiert sich die allgemeine Situation in Deutschland heraus, die Wegseh-Gesellschaft, die Guantanamo und die Menschenrechte in anderen Ländern benennt, aber vor der Haustür permanent das Drei-Affen-Prinzip lebt. Frei nach dem Motto: Was geht es mich an, solange es mich nicht selbst betrifft oder stört. Dafür gibt es doch Institutionen…..dafür zahle ich doch Steuern. Und kommt so ein Mißstand dann endlich mal ans Licht, dann fordern wir Sondersendungen im TV und stellen Kerzen vor die Tür oder schreiben Solidaritätsadressen und mit unschuldsvollem Blick erklären alle Nachbarn, man hätte gaaar nichts bemerkt und: wie kann so etwas vor unserer Tür passieren? Es passiert, weil alle wegsehen, alle schweigen, alle Angst haben und keiner dieses Verhalten durchbricht.
Apropos Pflegeschulen: Es trat eine Pflegeschülerin auf, die erklärte, von 28 Mitschülern arbeiten lediglich 3 in guten Häusern. Auf die Nachfrage von Fussek wie die Schule damit umginge erklärte sie: “Natürlich kennen sie die Situation, aber es geht in den Schulen um besetzte Schulplätze. Wenn zu wenige Anmeldungen da sind als vorgegeben, dann kann die Klasse nicht gebildet werden, fehlt der Schule Geld. Sie benötigen diese Häuser für das Füllen der Schulplätze.
Das Problem der Patienten ist eigentlich das Problem der scheinbaren Zwangsläufigkeiten und Abhängigkeiten, die niemand zu durchbrechen wagt, obwohl alle wissen, daß es nicht in Ordnung ist und daß es anders ginge. Das Problem heißt Angst - vom Patienten bis zum Verbandssprecher.
Die Politik sieht sich nur dann in der Handlungspflicht, wenn eine Änderung gefordert wird.
Die Situation in der Pflege unterscheidet sich nicht wesentlich von der im Gesundheitswesen. Auch hier Ängste und Abhängigkeiten und auch hier werden immer wieder die Kosten vorgeschoben. Dabei: Fachleute sagen sehr oft: “Geld ist genug im Gesundheitswesen vorhanden, es wird nur nicht immer richtig ausgegeben”. Zuviel versickert in der Pharmazie, in Nebenkanälen wie überflüssige Studien und Modellprojekte, Bürokratie und der neuen Gesundheitskarte in Verwaltungen und selbst geschaffenen Fehlentwicklungen / Anreizen. In letzter Zeit heißt die Antwort der Politik sehr oft: Wir sehen die Problematik und wollen etwas tun, es darf aber nicht mehr kosten (Kostenneutral). Dann geschieht was geschehen muß, das Stichwort heißt Umverteilung! Leider wird hier immer nach dem gleichen Prinzip umverteilt. Das Prinzip heißt Lobbypolitik. Wer am lautesten schreit, den größten Einfluß (Geld, Macht, Posten) verspricht bekommt von der Politik auch mehr. Die anderen müssen mit Abstrichen rechnen.
“Ist es nicht verrückt”, fragt Fussek, “alle wenden sich mit ihren Problemen an mich und bitten um Abhilfe, aber alle wollen Anonym bleiben - aus Angst.”
Berichtsprotokoll von Ruth Knittel

