O.L.G.A. - eine Wohngemeinschaft aktiver Seniorinnen in Nürnbergs Nordosten

ein Interview von Ruth Knittel
Eingeladen bin ich bei Frau Anne Görtz, eine der Initiatorinnen von O.L.G.A. (Oldies Leben Gemeinsam Aktiv). Ich fahre nach Nordostbahnhof, einem Stadtteil, dessen Häuser überwiegend der WBG, der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Nürnberg, gehören. Anfangs der 1930er Jahre wurden diese Häuser vorwiegend für Arbeiter errichtet, welche in den Fabriken der nächsten Umgebung beschäftigt waren. Es waren kleine, einfache und preiswerte Arbeiterwohnungen, die in der damaligen Zeit knappen Wohnraums dringend gebraucht wurden. Gespannt biege ich in die Chemnitzer Straße ein und bin angenehm überrascht; am Ende der Straße stebhen hübsch renovierte Häuser und das O.L.G.A.-Haus verfügt sogar über einen kleinen, liebevoll angelegten Garten. Das Haus ist leicht zu erkennen; der Zugang ist barrierefrei mit einer Rampe erschlossen und ein Aufzug wurde angefügt – der sich anfangs als Sensation für die Nachbarskinder präsentierte.
Als Frau Görtz mich begrüßt, lerne ich eine selbstbewußte Frau mit wachem Blick kennen.
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Wie entstand die Idee zur Wohngemeinschaft, was war das Motiv dazu?

Einige Leute, die sich schon sehr frühzeitig mit der Situation des Alterns auseinander setzten, haben sich überlegt, wie es nach der Berufstätigkeit weitergehen sollte. Wir haben uns dann verschiedene Heime und Seniorenresidenzen angesehen und festgestellt, daß diese einerseits die Selbständigkeit nehmen, andererseits für viele auch wieder zu teuer sind. Dann habe wir uns zusammengesetzt und den Gedanken ausgearbeitet, wie wir gemeinsam selbständig bleiben könnten und dabei natürlich auch unsere Ansprüche und Bedürfnisse definiert – ebenso die finanziellen Möglichkeiten durchgesprochen.
Wie ging es dann weiter?
Diese Idee haben wir dann an das Wohnungsamt der Stadt Nürnberg herangetragen, die dafür Begeisterung entwickelte. Es dauerte aber noch eine ganze Zeit bis die Idee stand und man sich auch mit dem Wohnungsamt einigen konnte. Zunächst scheiterte esam geeigneten Objekt. Etwas später, nach einer Informationsfahrt des Amtes nach Schweden, wo man diese Art zu wohnen bereits seit langem in unterschiedlichsten Formen kennt, hat die Stadt über die Zeitung nach einer Gruppe dafür gesucht. Das war vor ungefähr 3 Jahren. Wir haben uns dann beworben und wurden ausgewählt, weil wir mit unseren Gedanken schon sehr weit gekommen waren und somit die Realisierung möglicher schien.

Worauf kommt es bei so einem Vorhaben besonders an und was ist zu beachten?

Natürlich ist es in erster Linie ist es wichtig, Konsensbereitschaft mitzubringen und den Willen gemeinsam Aufgaben zu lösen. Wir machen vieles zusammen, aber nicht alles. Jede Mieterin hat ihre eigene Wohnung, in welche sie sich bei Bedarf zurückziehen kann. Dann ist wichtig, daß man sich sympathisch ist. Auch der finanzielle Aspekt muß geklärt sein. So mußten bei uns einige Interessenten wegen ihrer kleinen Renten passen, weil die Sozialträger nicht bereit sind, hierbei Zuschüsse zu gewähren, was ich sehr kurzsichtig finde, denn bei einer Heimunterbringung müssen ja u.U. auch Kosten übernommen werden und zwar viel mehr, als es bei unserer Lösung nötig wäre, da wir ja bereit sind, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten gegenseitig zu unterstützen und zu pflegen.

Könnten Sie es sich vorstellen in einer WG in anderer Zusammensetzung zu leben

Die Frage haben wir uns natürlich auch gestellt, es gab ja unterschiedliche Bewerber d.h. Männer, Frauen und Paare die sich dafür interessierten. Irgendwann wandte sich z.B. auch eine junge Studentin an uns, die als Alleinerziehende hierin eine Lösung einiger ihrer Probleme sah. Letztendlich haben wir der jungen Frau den Tipp gegeben, sich doch ebenso Gleichgesinnte zu suchen und das Nebenhaus anzumieten. Somit könnte man sich zwar gegenseitig mit Rat und Tat unterstützen, würde aber nicht zu dicht aufeinander wohnen, da einige unsere Damen ein größeres Ruhebedürfnis haben. Inzwischen leben wir in guter Nachbarschaft mit 6 alleinerziehenden Frauen und deren 15 Kindern, und beide Seiten sind zufrieden, so wie es ist.

Wie sehen ihre Nachbarn diese Wohngemeinschaft, gibt es funktionierende Kontakte oder gar Freundschaften?

Ja, die gibt es inzwischen. Wissen Sie, wir sind ja in eine Gegend mit vielen Migranten und Mietern, die vom Sozialamt gefördert werden, gezogen. Da gab es da zunächst Bedenken. Die gute Infrastruktur war aber ausschlaggebend, sodaß wir uns überlegten, wie wir die Situation lösen könnten. Natürlich war das am Anfang auch nicht ganz problemlos. Aus diesem Grunde haben wir kurz nach dem Einzug in unserem Garten ein Sommerfest veranstaltet, zu dem wir unsere Nachbarschaft einluden. Sehr schnell lernten wir uns dabei wertschätzen und althergebrachte Vorurteile über Bord zu werfen. Wenn uns etwas stört, sprechen wir die Nachbarn direkt darauf an. Wir winken einander zu und reden auch schon mal ein paar Worte miteinander. Einige Nachbarn wohnen ja bereits seit 50 Jahren hier. Dieses Haus war auch das häßlichste hier; wir wußten aber, daß es das nicht bleiben würde. Auch in der Umgebung sah es nicht unbedingt einladend und sauber aus. Wir haben uns dann aus diesem Grund einen Greifer zugelegt, einen extra Mülleimer besorgt und sind regelmäßig umher gelaufen und haben alles was weggeworfen worden war aufgesammelt und entsorgt. Das blieb auch bei den Nachbarn nicht ohne nachhaltige Wirkung. Seitdem achten alle darauf nichts wegzuzwerfen und wenn doch, dann wird es von irgendwem aufgesammelt. Wir mußten also da gar nicht viel tun, wir haben es einfach vorgelebt.

Reden wir mal übers Geld: Eignet sich aus dieser Sicht die Wohngemeinschaft für alle oder ermöglicht sich dies nur bei entsprechend gesicherter Pensionszahlung?

Nein, wie alles ist auch das eine Geldfrage d.h. wir sind natürlich normale Mieter und da dieses Haus frei finanziert ist und eben nicht sozial gefördert, müssen wir, wie überall, die entsprechend am Markt übliche Miete bezahlen, inkl. anfallender Nebenkosten. Fördergelder hätten von uns das Zugeständnis erforderlich verlangt, daß die Stadt die Belegung der Wohnungen organisiert hätte, wir wollten aber auch hier entscheidend mitbestimmen, wer mit uns zusammen wohnt. Schließlich sind wir ja zukünftig bei Hilfeleistungen aufeinander angewiesen. Irgendwann werden wir natürlich auch die eine oder andere Dienstleistung in Anspruch nehmen müssen, wenn wir älter und gebrechlicher werden.
Da unser Haus behindertengerecht umgebaut werden mußte, sind die Kosten natürlich in der Mietkalkulation enthalten.

Die Politik sollte sich hierzu aber wirklich Gedanken machen, ob sie nicht auch Kleinrentnern etwas entgegenkommen könnten. Wünschenswert wäre es. Langfristig gesehen kämen Wohngemeinschaften die Stadt nämlich viel billiger. Nachdem die wissenschaftliche Begleitung vorbei war, gab es noch ein Abschlußfest mit Politikern, die alle versprachen, sich dafür einzusetzen, getan hat sich aber nichts. Es gibt ja noch viele Gruppen, die das gerne tun würden, allerdings das gleiche finanzielle Problem haben, wie wir es hatten.

Was würden Sie interessierten Lesern raten, die nun auch Lust dazu bekommen haben?

Zuallererst ist es sehr wichtig sich darüber klar zu werden, daß es nicht genügt, sich solche Dinge kurzfristig zu überlegen, also erst dann, wenn erste Probleme auftauchen. Wir haben die ersten Überlegungen bereits um die 50angestellt.

Hinzu kam, aus den vielen Interessenten herauszufiltern, wer welchen Lebensstil bevorzugt und wie die einzelnen Interessen zu verbinden sind. Es bildeten sich dann 2 Gruppen: Die Städter und die Landliebhaber. Dementsprechend gab es dann auch bald unterschiedliche Auswahlkriterien. Unsere Gruppe, wollte auf die Vorzüge des Stadtlebens nicht verzichten. Wer auf dem Land leben möchte, muß ja berücksichtigen, daß man entsprechenden Nahverkehr braucht, wenn man nicht (mehr) Auto fährt und daß Teilhabe am kulturellen Leben entsprechend organisiert werden will – was mit zunehmendem Alter und wachsender Gebrechlichkeit schwieriger wird. Die Kerntruppe hat sich dann des öfteren zu Kino- und Theaterbesuchen usw. verabredet . Als „Härtetest“ haben wir dann irgendwann einen gemeinsamen Urlaub geplant. Hier wollten wir ergründen, ob wir auch in so einem Fall gut miteinander auskommen. Nachdem dies geklärt war, ging es an die Suche nach einem gemeinsamen Objekt. Für all das muß man reichlich Zeit einplanen, da man ja auch noch vieles im individuellen Leben klären und neu regeln muß. Hinzu kommt auch noch, daß Objekte u. U. noch umfangreich behindertengerecht umgebaut werden müssen.

Kennen Sie noch andere Wohngemeinschaften – gibt es Treffen?

Ja natürlich! Es gibt freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Wohngemeinschaften,die sich in unterschiedlicher Ausrichtung in eigenen Projekten verwirklicht haben.

Gibt es einen festgelegten Tag ,an welchem sie gemeinsame Angelegenheiten besprechen, oder wird das individuell nach Bedarf vereinbart?

Sicher, das muß schon sein. Bei uns ist das der Mittwoch. Wir treffen uns dazu in der Gemeinschaftswohnung. Die haben wir für solche Gelegenheiten, Feiern und auch mal als Schlafmöglichkeit für Gäste vorbehalten. An diesem Tag werden alle Fragen oder Probleme diskutiert und Lösungsvorschläge ausgearbeitet. Neulich ging es bei uns darum, ob ein Baum gefällt werden sollte oder stehen bleibt. Darüber wird dann demokratisch abgestimmt, und das muß dann auch im Ergebnis so akzeptiert werden. Gerade die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interessen und Problemen halte ich für eine sehr spannende Angelegenheit, die dafür sorgt, daß man rege bleibt, auch wenn es nicht immer bequem ist.

Wenn Sie jetzt zurückblicken, würden Sie diesen Schritt wieder tun?

Unbedingt! Jetzt, da sich eine stabile Gruppe Gleichgesinnter gefunden hat, die auch in den Interessen vieles gemeinsam hat und wir uns über die Möglichkeit bei der WBG zu mieten, auch unseren Wunsch erfüllen konnten, fühlen wir uns mit unserer Lösung sehr wohl. Anderswo wird man doch sehr gegängelt und fremdbestimmt. Wir können unser Leben organisieren, wie wir es möchten. Man lebt aber trotzdem nicht für sich, sondern kümmert sich umeinander und wenn es jemandem schlecht geht, ist immer einer da.

Vielen Dank, Frau Görtz, für dieses interessante Gespräch

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